Entstehung vom Häkelkleid "June" | Gloria Sophie Wille
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Entstehung vom Häkelkleid „June“

Das Häkelkleid „June“ ist inspiriert von Matthew Perryman Jones‘ Lied „Land of the Living“.

 

2012, während ich in meiner Wohnung in Chicago unter der Dusche stand, schlug mir der Spotify- Vorgänger „Pandora“ Matthew Perryman Jones als möglichen neuen Lieblingskünstler vor. Seither begleitet mich seine Musik auf meinen Reisen und im Alltag.

 

Zu Matthew Perryman Jones‚ Musik möchte man immer schreiten. Am liebsten durch Wälder, über Felder, durch Alaska, während eine einsame Freudenträne die Wangen hinunter läuft. Hachja, die Leichtigkeit des Seins und so.  Meist sind es Lieder vom „Wieder aufstehen“ und „Dankbar-sein-für-den-Schmetterling-der-sich-auf-deine-Hand-setzt-auch-wenn-du-bitch-mir-das-Herz-gebrochen-hast“. Seine Lieder fühlen sich immer wie eine Umarmung an: choral, voll, warm, tiefe Streicher wechseln sich mit hohen Gitarren ab, Floor- Toms wechseln am Ende zu hohen Becken. Ja, durch Matthew Perryman Jones wird man automatisch irgendwann zu einem Tree- Hugger… oder zu Christopher McCandless.

Zurück in die nahe Vergangenheit und dem Grund für das Kleid.

 

„The darkness will soon disappear and be swallowed by the sun.“

 

Anfang dieses Jahres war bei mir mal wieder Land unter. Ein Anruf meiner Mutter trug einen Großteil dazu bei: Das Grab meines Vaters sei nun 30 Jahre alt und der Aufbewahrungs-Friedhofsvertrag (dafür gibt’s bestimmt einen offiziellen „Passierschein A38“- Namen) würde nun im Juni zu seinem Todestag auslaufen. Was ich denn davon halten würde.

Ja, was hält man denn von sowas? Sind das wirklich Dinge, mit denen man sich mit seinen knapp 30 Jahren beschäftigen möchte?

„Sorry Folks, ich kann heute Abend leider nicht zum Siedler von Catan Spielen kommen – ich muss mir überlegen, ob die Überreste meines Vaters Platz für andere Tote machen soll.“

 

„I am ready to fight, let down the scarlet chord“

 

Semi. Semispaßig war das. Aber es ist nunmal ein Teil meiner Geschichte. Dazu muss man wissen, dass weder meine Mutter noch ich in der Stadt des Grabes leben. … „Stadt des Grabes“ könnte auch der Titel eines unveröffentlichten Harry Potter Buches sein. Wie dem auch sei, es kümmerten sich also derweil ältere Verwandte um das Grab. Aber die sind nun auch schon alt und haben Gicht. Oder Rücken. Oder beides. Schweren Herzens entschied ich dann mit meiner Mutter, dass es am sinnvollsten wäre, das Grab freizugeben – am 30. Jahrestag seines Todes. Trotzdem wollte ich vorher noch einmal dem Grab, meinem Vater, einen Besuch abstatten und mir einen Kieselstein abzwacken. Als … Glücksbringer oder so. Irgendwie verfestigte sich die Vorstellung von einem Kieselstein, den ich von nun an mit mir rumschleppen würde, in meinem Kopf. An irgendwas muss man sich ja festhalten, nicht wahr?

Dann erreichte mich kurz vor meiner Abreise im April in die „Stadt des Grabes“ ein Anruf meiner Verwandtschaft: „So, Grab ist nun ausgehoben. Alles hinfort. Cheerio, byebye.“ Da ich es nur aus Filmen kenne, wie man auf schlechte Neuigkeiten am Telefon reagiert, schmiss ich selbiges – wenigstens noch einigermaßen bei Sinnen – aufs Bett und zündete mir mit zitternden Händen eine Zigarette an.

„Ja, das ist jetzt irgendwie dumm gelaufen…“
„Dumm gelaufen. Wir reden gerade über das Grab meines Vaters und nicht über eine beim Liefern zerquetschte Geburtstagstorte oder ein Falsch-Parken-Ticket von der Special Task Force Parkraummanagement Hamburg.“

Es war, als hätte ich meinen Vater zum zweiten Mal verloren. Nein, eigentlich war es, als wurde mir mein Vater zum zweiten Mal genommen.

 

„You’re dancing with the dead man’s bones“

 

Irgendwie musste ich dieses Ereignis verarbeiten. Zu wissen, dass ich nie wieder zum Grab meines Vaters kann. Mich von der Vorstellung zu lösen, jemals einen Vater gehabt zu haben. So klischeehaft das Ganze auch ist, das Grab – oder zumindest das Wissen, dass es da ist – war die einzige Verbindung, die ich noch zu diesem Menschen hatte, der mitunter ein Grund ist, warum ich jetzt hier in einem Café in Hamburg sitze und diese Geschichte aufschreiben kann. Mich daran zu erinnern, dass doch irgendwie „good things“ dabei raus kommen würden. Herrgottsakra, irgendeinen Grund muss das Ganze doch haben, oder?

Es fühlte sich an, als wäre meine gesamte Welt erschüttert worden. Also musste ich mir eine neue häkeln.

 

„Lay your soul on the threshing throne“ – Die Entstehung vom Häkelkleid „June“

 

Die Streicher und das sehr präsente Stand Tom des Schlagzeuges lassen das Lied sehr erhaben und würdevoll wirken, was für mich bedeutete, dass sich daraus ein elegantes Abendkleid entwickeln wird. Für das Häkelmuster habe ich mich verschiedenen Häkeltechniken bedient: Irisches Häkeln, Brügger Häkelei sowie einfachem Motivhäkeln. Wie wachsendes Efeu ziehen sich die Dur-Akkorde durch das Lied. Sie bilden den „Stiel“, aus dem weitere Blumen – Noten, Instrumente – erwachsen. Den Abschluss des gehäkelten Ärmels bildet ein „Häuschen-Muster“, welches die Notenfolge des choralen Gesanges am Ende des Liedes repräsentiert. Das Häkelmuster des Gürtels – ein sich abwechselndes „Muschel-Muster“ – entstand aufgrund der sich abwechselnden Noten des D-Dur Akkordes am Anfang des Liedes.

Mit dem Häkelkleid möchte ich eine visuelle Verbindung zwischen „The Land of the Living“ und „The Land of the Dead“ herstellen. Daher sind ein Teil der Blumenmuster aus eigener Hand entstanden. Andere Muster habe ich von Freundinnen aus Frankreich auswählen lassen und in das Kleid eingearbeitet.

Durch die Wahl von Mustern, die in unterschiedlichen Teilen der Welt entwickelt wurden, die Hilfe von meinen Freundinnen, wurde das Projekt ein Symbol des „Land of the Living“.

 

„I set my face, forsook my fears“

 

Letztendlich stellt sich immer die Frage: Wohin mit diesem Paket, das man nicht bestellt hat, und das nun trotzdem vor deiner Tür steht? Es sind Dinge, mit denen man selbst, allein und für sich seinen Frieden finden muss. Mit jeder Masche, jedem Muster, jeder Naht verstand ich es besser, mit der Situation umzugehen, los zu lassen. Los zu lassen von etwas, das nie da war. Und der Kieselstein? Nun. Meine Mutter schenkte mir stattdessen einen Pullover, den er früher gerne trug, und das Buch „Jonathan Livingston le goéland“ (dt. „Die Möwe Jonathan“ von Richard Bach), welches er im Juni 1985 geschenkt bekommen hat. Es hängt immer von der Art und Weise ab, wie man Dinge bewertet und wie man sie handhabt. Ich habe diese Geschichte in einem Häkelkleid verarbeitet, einen neuen Pullover und ein neues Buch bekommen. Da sind sie, die „good things“ die aus miserablen Situationen entstehen können.

 

„June“ ist sowohl der Geburts- als auch der Sterbemonat meines Vaters. Er hat sich am 22.06.1987 das Leben genommen. Ein Teil der Erlöse vom Häkelkleid und den Fotografien wird an die Deutsche Depressionshilfe gespendet. Das Kleid wird erstmalig im September im Rahmen meiner geplanten Häkelkunstausstellung „Heroic Acts of Man – not here“ in Hamburg vorgestellt.


I saw the city through my tears
the darkness will soon disappear
and be swallowed by the sun.


I am coming home

 

Für Erhard.


Hier könnt ihr mich bei meiner Crowdfunding Kampagne für die Umsetzung der Ausstellung unterstützen.


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