Fool For Love - Lily | Gloria Sophie Wille
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Fool For Love – Lily

Fool For Love - Lily


Lily? In 5 Minuten bist du dran.


Mein Herz setzt für einen Moment aus. Jedes Mal. Und ich werde ganz ruhig. Ich bin in einem Tunnel, komplett fokussiert auf den Auftritt. Ein letzter Blick in den Spiegel. Vielleicht noch etwas mehr Puder. „Vergiss nicht, dass sie sich dazu entschieden haben die dritte Strophe auszulassen und dafür den Refrain ein weiteres Mal spielen.“


„Komm schon! Die warten schon. Was’n mit deinem Gesicht passiert? Du siehst aus, als hätte ne Motte Mehl in dein Gesicht gefurzt. Wir haben keine Zeit für so nen Scheiß. Komm jetzt.“


Jim ist an sich eine nette Person: Erfolgreich, schön… und er kümmert sich um mich. Er hat mich von der Straße geholt, als ich noch Altherrenlieder auf der Gitarre spielen musste, um für das Essen zu bezahlen. Meine Mutter starb, als ich 9 Jahre alt war. Danach ging es eigentlich nur noch bergab. Mein Vater fing an zu trinken, seltsame Frauenfiguren gingen ein und aus, und irgendwann verlor er seine Arbeit. Meiner Schwester und mir war es verboten Fragen zu stellen: „Stampft die Kartoffeln! Macht Brot“, ist alles, was wir taten. Er schlief oft vor dem Fernseher in seinem Ohrensessel ein. Das war dann immer unsere Chance nach draußen zu gehe und zu spielen, zu singen und zu tanzen. Ich wusste tief im Innern, dass es Papa eigentlich nichts ausmachte. Aber das Leben hat ihn hart gemacht. Es ging nicht mehr um Freude, es ging darum, es irgendwie hinter sich zu bringen. Für ihn und für alle anderen auch. Die Musik war für mich dabei immer eine Flucht in eine bessere Welt.
Nachdem Vater starb, nahm ich meine Schwester mit in die große Stadt. Ich war gerade mal 15 Jahre alt. Zwei Jahre lang lebten wir gemeinsam mit anderen Obdachlosen in einem riesigen Gebäudekomplex irgendwo am Stadtrand. „Eines Tages wirst du berühmt werden!“, versicherte mir meine Schwester immer wieder. Sie war noch so jung und verstand den Ernst unserer Lage nicht. Aber wir hatten einander, das war alles, was zählte. Jeden Tag gingen wir gemeinsam in die Innenstadt. Ich spielte Gitarre und sang so lange bis ich heiser wurde. Jedes Mal, wenn jemand anhielt und zuhörte, nahm sie den Hut, den unser Vater immer trug, um damit um Geld zu bitten. Sie machte einen höflichen Knicks und deutete in alter Manier, süß und raffiniert, auf den Hut „Der Herr, dürfte ich Sie um eine kleine Spende bitten?“. Meistens klappte das ziemlich gut. Ganz besonders, wenn Geschäftsleute auf der Durchreise waren und weder Familie noch Freunde dabei waren. Sie schauten meine Schwester immer in einer Art an, die mich anwiderte. Sie war doch noch ein Kind. Manchmal bekam ich ein Angebot, die Herren in ihr Hotel zu begleiten. Es war immer besonders schwierig zu widerstehen, wenn die Jahreszeiten wechselten, weniger Touristen oder Geschäftsleute in der Stadt waren, und ich nicht wusste, wie ich für unser Essen bezahlen sollte.
Ich erinnere mich an einen Tag – es hatte bereits die ganze Woche geregnet – an dem ein Mann mit einem riesigen Bierbauch vorbeikam, und mir 5000 Dollar bot, wenn ich mit ihm das Wochenende verbrachte – 500 sollte es sofort als Anzahlung geben. Als ich gerade das Geld und somit sein Angebot annehmen wollte, rannte meine Schwester ihn um und tat so, als hätte sie ihn nicht gesehen: „Oh bitte entschuldigen Sie, der Herr. Bitte nehmen Sie meine Entschuldigung an.“ Wütend und aufgebracht ließ er das Geld fallen und wies meine Schwester harsch zurecht. Lachend schrie sie: „Lauf, Lily, lauf!“. Ich sammelte das Geld auf, nahm meine Gitarre und wir beide rannten so schnell, wie wir nur konnten. Wir lachten und weinten zur gleichen Zeit. Ich lud sie in ein Diner ein und wir platzten bald von Burgern, Pommes und Eiscreme. Ich buchte uns ein Zimmer in einem Motel. Wir hüpften auf den Betten, gingen baden, und am Abend saßen wir auf der Terrasse und schauten uns den vom Sonnenuntergang in ein schillerndes Blutrot getauchten Himmel an. „Ich möchte alles wissen, was es auf der Welt zu wissen gibt!“, sagte ich lächelnd. Sie schaute in die Ferne: „Aber Lilly, wenn du alles wüsstest, was es auf der Welt zu Wissen gibt – was ist dann der Sinn am Leben?“
Ein paar Wochen später, es war kalt und regnerisch, begann meine Schwester plötzlich an zu zittern und in ihren luziden Träumen zu sprechen. Sie schrie nach ihrer Mutter. Kalter Schweiß tropfte ihr Gesicht herunter. Ich werde nie die Angst in ihren Augen vergessen. Ich schrie nach Hilfe. Mary starb in der Nacht des 10. Novembers.
Wohin sollte es jetzt noch für mich gehen? Ich hatte nichts, das mich am Leben hielt, außer meiner Musik.

Im Sommer sah Jim mich spielen. Er versprach mir, dass er mich berühmt machen würde. Er machte mir Komplimente für meine Stimme und wie schön ich war. Er gab mir das Gefühl… als könnte ich wieder irgendwo zu Hause sein. Ich habe die Verbindung zu meiner Schwester verloren. Mit jedem Tag, der vorbeiging, fühlte sie sich weiter und weiter entfernt von mir an. Ich konnte mich kaum noch an ihre Stimme erinnern.
Jim war der erste Mann, den ich liebte.
Er war sehr streng, aber das war alles zu meinem Besten, versicherte er mir. Es war auch mein eigener Fehler, wenn er mich schlug. Mir war es nicht erlaubt, ihm zu widersprechen. Jim überhäufte mich mit Aufmerksamkeiten, wenn eine Show gut geklappt hat und er viel Geld verdient hat. Um die Finanzen kümmerte er sich allein – wozu bräuchte ich auch Geld, wenn er für mich sorgt? Ich fühlte mich geliebt und verehrt. Ich schlafe nicht mehr auf zerrissenen Pappkartons. Ich bin sehr dankbar dafür, auch, wenn „nicht mehr auf Pappe schlafen“ bedeutet, dass ich mit ihm schlafen muss.
Aber irgendwas macht mir in letzter Zeit Angst. Irgendwas hat sich verändert. Ich möchte mein altes Leben zurück. Ich möchte jemanden an meiner Seite, der mich davon abhält die 500 Dollar zu nehmen, jemand, der mich vor Männern wie Jim beschützt. Jemand, der mit mir wegrennt, für den es sich wieder zu leben lohnt. Ich will meine Schwester zurück.


„Lily? Du bist dran!“




Ich bin sehr zufrieden mit meiner heutigen Performance. Meine Band und ich haben gut zusammen gespielt, ein übermütiges Lächeln hier, ein flirtendes Zwinkern da, das Publikum war begeistert. Jim ist zufrieden. Das macht mir am meisten Angst. Wenn er glücklich ist, ist es meist noch schlimmer, als wenn er wütend ist. Er hat schon wieder zu viel Whiskey getrunken. Jameson, wie immer. „Der reiche Whiskey für die armen Leute“, nennen sie ihn. Jims Atem riecht nach Alkohol und Zigarren, ich fühle seine raffgierigen Hände an meinem Hintern.
„Und hiieer ist der Staar! Meie Lily. Meie liebse liebse Lily. Eine wahre Goldmine! Vonner Straße hab ich se geholt! Ne Hure wär se geworden, wenn ich sie nich vom Bordstein aufgesammelt hätte. Dreckig und schmuddelig. Schmuddelige Lily. Und schaut sie euch jetzt an! Und diese wohlgeformten Brüste.“ Direkt vor der Barkeeper, Fremden und meiner eigenen Band fasst er mir an die Brüste und leckt meinen Hals ab. Ich fühle mich angewidert und werde rot vor Scham. Er flüstert mir ins Ohr „Heute Abend wirst du mein sein!“
Ein Klaps auf den Hintern. „Setz dich, Weib!“ An einem runden Tisch sitzen sechs, vielleicht sieben Männer. Ich setze mich geräuschlos zu ihnen und schaue in mein Whiskeyglas. Das warme Gefühl des Alkohols breitet sich langsam in meinem ganzen Körper aus. Es betäubt den Schmerz und fühle mich wohl. Irgendwas erinnert mich an zu Hause.

„Warum tust du dir das an?“
Ben, mein Gitarrist schwenkt seinen Whiskey. Die drei Eiswürfel stoßen an das Glas. Er nimmt einen Schluck und stellt es zurück auf den Tisch ohne mich dabei anzuschauen.
„Was meinst du?“
„Du weißt, was ich meine!“
Mehr Whiskeyyyy für die Herrschaften!
Ben schaut mich an. Schaut Jim an, wie er seine Arme fest um meine Schulter geschlungen hat, so als sei ich sein Besitz.
„Du könntest es so viel besser haben, Lily.“
„Worüber unterhaltet ihr zwei Mädels euch?“, unterbricht Jim uns, fasst mich am Kinn und dreht meinen Kopf in seine Richtung um mich zu küssen. Mit jedem Stück seines Körpers, der meinen berührt fühle ich mehr und mehr Verabscheuung.
Ben steht auf und verlässt den Tisch.
„Oooh, schaut, der Kleine kann nicht aushalten, was die Erwachsenen machen. Neidisch?“ Die Runde lacht. Einige von ihnen machen Kussbewegungen … und… schlimmer.
„Die Herren, bitte entschuldigen Sie. Ich müsste kurz mein Näschen pudern.“, ich entschuldige mich und folge Ben nach draußen.
„Ben! Wo bist du?“
In einer dunklen Ecke vor der Spelunke sehe ich Ben auf einem Heuballen sitzen und seine Zigarette anzünden.
„Ben! Was meintest du, als du sagtest, dass ich es so viel besser haben könnte?“
Keine Antwort.
„Ich rede mit dir!“
Keine Antowort.
„Ben, verdammt, ich…“
„Weißt du was, Lily? Ich hab genug. Du verbringst dein Leben lieber in der Hölle, obwohl der Himmel genau vor dir wartet. Seit Jahren muss ich zuschauen, wie er dich wie ein Stück Scheiße behandelt und du machst einfach mit. Ich würde dich niemals, NIEMALS so behandeln. Du bist die schönste Frau auf der Welt für mich und wenn du meine Frau wärst…“ Ich küsse ihn. Ich fühle, wie eine warme Träne der Erleichterung meine Wange runterkullert.
Ich höre Stimmen.
„Du verdammte Dreckshure!“
Jim kommt aus der Bar gestürmt.
Ein Schlag und ich falle zu Boden. Das Blut rauscht durch meine Adern, ich halte meine Wange. Sie fühlt sich warm an, ich fühle meinen Herzschlag. Ich versuche hochzuschauen. Die linke Seite meines Gesichts ist angeschwollen. Einige Männer drücken mich gewaltsam zu Boden. Jim und Ben schlagen aufeinander ein, Bluttropfen fallen auf mein Kleid. Ich versuche zu fliehen, ich winde mich schreiend auf dem Boden umher. Plötzlich zieht Jim eine Pistole aus seinem Halfter. Ich schreie.
„Ich bring dich um! Ich bringe dein verdammtes Drecksgesicht um!“ schreit Jim Ben an. Für eine Sekunde bleibt die Welt stehen, ich höre nichts außer meinen Herzschlag. Ich sehe einen Revolver aus dem Halfter einer der Männer, die mich zu Boden drücken, hervorblitzen. Ich nehme den Revolver. Ich schieße.
Jim fällt wie ein nasser Sack zu Boden. Die Männer lassen von mir ab, um Jim zur Hilfe zu eilen. Ben hilft mir hoch. „Lauf, Lily, lauf!“ Ich fühle das Adrenalin in meinen Adern. Wir rennen und rennen, lachen und weinen. Wir rennen bis wir außer Sichtweite sind. Wir verstecken uns am Waldrand und lehnen uns an einen Baumstamm. Ich atme schwer. Langsam aber sicher finden wir unseren Atmen zurück. Ben hielt die ganze Zeit fest meine Hand. Mit der anderen Hand holt er ein Bündel Scheine aus seiner Hosentasche. Lächelnd und noch immer nach Luft schnappend drückt er es mir in die Hand: „Ich hab es vom Tisch genommen, bevor ich aus der Bar ging. Jim war damit beschäftigt, …“ Ben hält inne. „Das müssten etwa 500 Dollar cash sein. Komm ich lad dich zum Essen ein. Ich kenne da ein tolles Diner…“


Ich schätze, der Himmel nimmt und der Himmel sendet…

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© Gloria Sophie Wille // Lisa Altekrüger