Airwaves - 'Natalie' | Gloria Sophie Wille
Aus Joy Division's Atmosphere entsteht ein gehäkeltes Kleid. Daraus entwickelt sich eine Kurzgeschichte, ein Hörspiel - und im Hintergrund die Frage: Für wen wurde dieses Lied geschrieben?
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Airwaves – ‚Natalie‘

Meine Inspiration



Dieses Kleid ist inspiriert von Joy Divisions – Atmosphere.
Der obere Teil des Kleides ist gehäkelt. Die Biedermeieresque Anspielung des Kragens repräsentiert den Druck, unter der sich die Protagonistin befindet. Etwas nimmt ihr den Atem, die ewige Gedankenspirale schnürt ihr die Luft ab. Wie eine Schlinge legen sich „gut“ und „böse“ um ihren Hals. Der leichte, schwebende Chiffon zeigt die eigentliche Leichtigkeit in luziden Momenten. Da der Großteil dieses Kleides mit starkem 3,5 Garn gehäkelt wurde, wirkt das Kleid schwer – wie das basslastige Lied und die tiefe Stimme von Joy Division Sänger Ian Curtis.

 

Kurzgeschichte

 

„Hast du dich jemals gefragt, wie sich der Tod anfühlt?“
Ich erinnere mich, wie zerbrechlich ihr Lächeln war.
„Ich frage mich häufig, wie er sich anfühlt. Glaubst du… dass wir vielleicht schon tot sind?“

Wir liegen in einem Park irgendwo in Norddeutschland. Vor etwa einem Jahr haben wir uns auf einer Party von einem gemeinsamen Freund getroffen. Ich habe sie noch nie vorher gesehen. Irgendwas hatte sie. Irgendwas Mysteriöses. Ihre Anwesenheit erfüllte den gesamten Raum, stark und doch so zerbrechlich..
Ich erinnere mich daran, wie sie zu mir rüber kam, mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht. Flirtend fragte sie mich: „Hey, wollen wir rummachen?“

Danach haben wir acht Monate gedated und alles lief perfekt. Wir waren wie Yin und Yang. Sie war wild, eine Künstlerin, immer am feiern, immer glücklich. Selbst wenn sie traurig war schien sie fröhlich zu sein. Ihre Stärke beeindruckte mich genauso, wie die Leichtigkeit, mit der sie das Leben anpackte. Sie schien sich niemals zu sorgen, niemals zu zweifeln.

Als ich ein Jobangebot aus einer Stadt 1000 Kilometer entfernt bekam, stand es außer Frage, dass sie mit mir mit kommen würde. Für sie war es einfach ein weiteres großes Abenteuer. Sie freute sich darauf, in eine neue Stadt zu ziehen und noch mal von vorne anzufangen. Wohnungen wurden besichtigt, Telefonanrufe getätigt und sie schaute sich nach Jobs in der gleichen Stadt um. Eines Abends – es war etwa einen Monat bevor wir nach Norddeutschland zogen – kam ich von der Arbeit nach Hause und sie saß auf unserem Sofa und starrte auf ein offenes Glas Marmelade. Ganz ruhig. Ich gab ihr einen Kuss auf die Wange und fragte sie nach ihrem Tag. Sie bewegte sich nicht. Ich ging in die Küche, um mir ein Brot zu schmieren: „Ich bin am verhungern! Das Meeting heute hat über zwei Stunden gedauert. Mein Chef erzählte und erzählte und… Ich bin so froh, das bald alles hinter mir zu lassen.“
Ich hörte Glas zerscheppern.
Sie stand mit dem Deckel des Marmeladenglases in der Küchentür.
„Gott, hast du mich erschreckt. Was war das?“, schimpfte ich.
„Der Deckel. Jedes Mal du dämliche Kuh! Ich hab dir schon mal gesagt, dass die Bakterien in die Marmelade kriechen und wir werden sie essen und elendig dran verrecken! Willst du mich umbringen?“
Ich war wie versteinert.
„Süße, ich…“
„Das ist mir scheiß egal! Einfach scheiß egal! Willst du mich umbringen?“
Ich ging langsam auf sie zu.
„Süße, ich…“
Sie wehrte sich gegen meine Umarmung. Sie schlug nach mir. Sie schrie. Sie trat.
Das war der Tag an dem sie mir erzählte, dass sie ihre Medikamente nicht mehr nehmen möchte.
Ich blieb die folgenden Tage mit ihr zu Hause. Sie entschuldigte sich permanent, versicherte mir, dass sie mich liebte und dass sie unsere gemeinsame Zukunft nicht auf’s Spiel setzen wollte. Ich machte einen Termin bei einem anderen Arzt, der ihr andere Tabletten verschrieb. „Willst du wirklich mit umziehen? Wir schaffen eine Fernbeziehung! Ich versuche jedes Wochenende zu kommen und wenn du dich besser fühlst, kannst du ja nachkommen.“, bot ich ihr an.
„Aber ich will nicht. Ich liebe dich. Ich will mit dir zusammen sein. Ich ziehe mit dir um.“

Sie hat ganz schnell neue Freunde gefunden. Darin war sie immer besser als ich. Manchmal nannte ich sie „Die Schöne“. Weißt du? Wie Die Schöne und Das Biest: „Manchmal habe ich das Gefühl, dass dich selbst die Löffel mehr mögen als mich.“
Je länger wir zusammen lebten, desto häufiger bemerkte ich kleinere Veränderungen, aber ich nahm an, dass es an der neuen Umgebung lag. Vielleicht musste sie sich einfach nur an die neue Situation gewöhnen. Genauso wie ich. Ich war überwältigt von meiner Arbeit, von den neuen Leuten, der neuen Stadt… und immer müde. Ihre Episoden wurden regelmäßiger. Es schien als ob sie zwischen zwei Welten gefangen war. Sie war nicht mehr in der Lage in der Gegenwart zu leben. Sie war immer woanders, immer in ihrer eigenen Welt.

Eines Abends kam sie nicht nach Hause. Ich habe versucht, sie mehrfach anzurufen – keine Antwort. Ich klapperte so ziemlich jede Bar in der Stadt ab, in der Hoffnung, sie dort irgendwo zu finden.
Sie lag im Bett einer anderen.
Sie kam am nächsten Tag zurück, packte ihre Sachen und erzählte mir, dass sie mit ihrem Flirt von letzter Nacht zusammenziehen wird. Sie ließ mich einfach stehen. „Ich liebe dich nicht mehr. Ich glaube, ich habe dich nie wirklich geliebt.“
Ich habe sie noch nie so kalt erlebt. Ich habe sie nicht wieder erkannt. Ihr Haar zerzaust, ihre haut wie zerbrochenes Porzellan, ihre Augen dunkel wie schwarze Diamanten.
Danach kam sie zu völlig unmenschlichen Zeiten vorbei, um den Rest ihrer Sachen abzuholen; einmal schrie sie um 3 Uhr morgens durch den kompletten Hausflur, weil sie ihr Lieblingshandtuch vergessen hatte. Ich wusste, dass sie Drogen nahm. Ich wusste nicht welche. Ich liebte sie und ich wünschte mir so sehr, dass sie wieder zu der Person wird, in die ich mich einst verliebte. Ich brauchte sie.

Ein paar Wochen später tauchte sie bei meiner Arbeit auf, ihr Mascara war verlaufen von Tränen. Sie trug den schwarzen Pullover, den ich ihr einst geliehen hatte.
„Ich liebe dich. Ich habe Angst.“
Wir haben den ganzen Abend, die ganze Nacht geredet. Wir wollten, dass es wieder funktioniert. Dass wir wieder funktionieren. Letztendlich liebten wir uns doch. Das ist alles, was zählt, oder?
Ihr ging es wieder besser. Sie hatte sogar einen Job als Babysitterin nicht weit von unserer Wohnung gefunden. Für einen oder zwei Monate waren wir wieder ein Paar. Wir trafen uns mit Freunden, kochten, spielten Gesellschaftsspiele. Sie hörte sogar mit dem Rauchen und Trinken auf, weil sie wirklich wollte, dass das mit uns beiden wieder klappt. Ich sah, wie sie lächelte, als wir ihren Lieblingsfilm „Susie und Strolch“ schauten, wenn sie Erdbeeren für das Frühstück schnitt, oder wenn sie malte.

Heute spazierten wir durch den Park und diskutierten darüber, ob wir uns einen Hund anschaffen sollten. Wir witzelten, welche Rasse es sein sollte: Sie wollte entweder einen Schäferhund oder einen Mops. Ich plädierte für einen Border Collie oder einen Dackel. So entschieden wir uns für eine Katze. Plötzlich blieb sie stehen und fing an zu weinen. Ich nahm sie fest in den Arm. Sie drückte sich fest an mich und schluchzte. „Es tut mir so leid. Es ist zu spät.“
„Was ist zu spät?“
„Es ist zu spät!“
Sie schaute auf. Ihr Schluchzen verstummte. Emotionslos stand sie da. Leer. Ein Schatten ihrer selbst.
„Ich bin verloren.“

„Ok, lass uns für eine Minute hinlegen und du erzählst mir, was los ist. Ich muss wissen, was los ist.“

„Hast du dich jemals gefragt, wie sich der Tod anfühlt?“
Ich erinnere mich, wie zerbrechlich ihr Lächeln war.
„Ich frage mich häufig, wie er sich anfühlt. Glaubst du… dass wir vielleicht schon tot sind?“

Ich kenne diese Person, die neben mir liegt nicht mehr. Sie wurde zu einer Fremden. Sie ist nicht die Person, die ich einst liebte. Es scheint, als hätte die Dunkelheit gewonnen, sie auf ihre Seite gezogen. Ich kenne diese Person, die neben mit liegt nicht mehr.

 


Fotografie: Lisa Altekrüger // Gloria Sophie Wille
Konzept//Geschichte//Design: Gloria Sophie Wille
Models: Regina Huppmann // Levke Meyer // Gloria Sophie Wille

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